Lorenzo Ambrosini, welche Elemente zeichnen heute ein wirklich leistungsstarkes Innovationsökosystem aus, das in der Lage ist, im Laufe der Zeit Wert zu generieren?
Ein wirklich leistungsstarkes Innovationsökosystem zeichnet sich heute durch mehrere Schlüsselelemente aus: die Qualität seines Humankapitals, die Dichte der Beziehungen zwischen Unternehmen, Universitäten und Institutionen (das sogenannte „Triple-Helix“-Modell), die Verfügbarkeit von Kapital und eine Kultur, die Risikobereitschaft und Zusammenarbeit fördert. Talent oder Finanzierung allein genügen nicht: Entscheidend ist die Fähigkeit, sie kontinuierlich und produktiv interagieren zu lassen und so den Austausch zwischen Sektoren und Disziplinen zu fördern. Historisch gesehen entstehen Innovationsökosysteme dort, wo Forschung, Wirtschaft und Finanzen auf einer stabilen Basis zusammentreffen: Das Silicon Valley ist das bekannteste Beispiel, gefolgt von Orten wie der Route 128 in Boston, Cambridge und Tel Aviv. In diesen Kontexten hat sich ein Modell entwickelt, das auf Vertrauen, dem Austausch von Kompetenzen und weitverbreitetem Unternehmertum basiert. Heute ist ein effektives Ökosystem zudem inklusiv, international und in der Lage, sich schnell an technologische und Marktveränderungen anzupassen. Die eigentliche Herausforderung besteht daher nicht nur darin, Innovationen zu generieren, sondern sie in nachhaltigen Wert für die Region und die Gesellschaft umzuwandeln.
Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Faktoren wie Zusammenarbeit, eine gemeinsame Vision, regionale Attraktivität und die Fähigkeit, das Geschäftswachstum zu unterstützen?
Sie sind von enormer Bedeutung und entscheiden oft über Erfolg oder Misserfolg eines Ökosystems. Zusammenarbeit ist die treibende Kraft: Ohne kontinuierlichen Dialog zwischen Unternehmen, Forschung und Institutionen bleiben Ideen isoliert und lassen sich nur schwer in konkrete Innovationen umsetzen. Ebenso ermöglicht eine gemeinsame Vision, Anstrengungen auf gemeinsame Ziele auszurichten und so Fragmentierung und Doppelarbeit zu vermeiden. Die Attraktivität des Standorts ist ein weiterer entscheidender Faktor: Talente, Investoren und Unternehmen bevorzugen dynamische, offene und international gut vernetzte Umgebungen. Doch Anziehung allein genügt nicht: Entscheidend ist, zu wissen, wie man sie bindet und ihr Wachstum fördert. Hier kommt die Fähigkeit ins Spiel, Unternehmen während ihres gesamten Lebenszyklus zu unterstützen – von der ersten Idee bis zur Skalierbarkeit – mit den passenden Werkzeugen, Expertise und Marktzugang. Kurz gesagt: Ein leistungsstarkes Ökosystem ist nicht nur ein Ort, sondern ein zusammenhängendes und zielgerichtetes Netzwerk, das Vertrauen schafft und langfristig solide und wettbewerbsfähige Wachstumspfade ermöglicht.
Wenn Sie das Tessin betrachten, was sind Ihrer Meinung nach die größten Stärken seines Innovationsökosystems und welche Anzeichen halten Sie für besonders vielversprechend?
Die Präsenz qualifizierter Akteure – von USI über SUPSI bis hin zu den Kompetenzzentren des Switzerland Innovation Park Ticino – garantiert zweifellos eine solide Wissens- und Expertisebasis sowie einen wachsenden Fokus auf Innovation in der öffentlichen Politik, unterstützt durch zunehmend strukturierte Förderinstrumente. Der Kanton Tessin zeichnet sich jedoch im Vergleich zu anderen Ökosystemen durch besondere Stärken aus. Erstens erleichtert seine überschaubare Größe die Zusammenarbeit: Universitäten, Forschungszentren, Institutionen und Unternehmen kommunizieren schneller und bilden so ein agiles Netzwerk, das pragmatische Lösungen findet. Ein weiterer Schlüsselfaktor ist seine geografische Lage auf der Nord-Süd-Achse: Das Tessin bildet eine natürliche Brücke zwischen der Schweiz und Italien und bietet Zugang zu Märkten, Talenten und internationalen Netzwerken. Dies ist nicht nur ein logistischer Vorteil, sondern ermöglicht auch den Austausch mit verschiedenen Kulturen. Hinzu kommt die hohe Lebensqualität, die vor allem durch die schweizerischen Rahmenbedingungen, aber auch durch lokale Besonderheiten geprägt ist. Zu den vielversprechendsten Anzeichen zählen die Zunahme innovativer Startups, die verstärkte Zusammenarbeit zwischen öffentlichem und privatem Sektor sowie die Fähigkeit, Projekte und Investitionen von außerhalb anzuziehen. Mit anderen Worten: Es setzt sich eine breitere und ausgereiftere Innovationskultur durch, was auf ein erhebliches Wachstumspotenzial mittel- bis langfristig hindeutet.
Wo sehen Sie das größte Entwicklungspotenzial, damit das Tessin sein Innovationspotenzial noch besser ausschöpfen kann?
Das Entwicklungspotenzial liegt vor allem in Skalierung und Kontinuität. Das Tessin verfügt über fundiertes Fachwissen und Initiativen, muss aber seine Kapazität für eine kritische Masse stärken, seine Akteure enger vernetzen und Ressourcen auf bestimmte strategische Prioritäten konzentrieren. Eine stärkere Integration in breitere Ökosysteme – sowohl schweizerische als auch europäische – kann Chancen und Sichtbarkeit erhöhen. Ein weiterer wichtiger Bereich ist der Zugang zu Kapital, insbesondere in Wachstumsphasen: Die Unterstützung des Übergangs von Startups zu etablierten Unternehmen bleibt eine zentrale Herausforderung. Gleichzeitig ist es wichtig, Talente zu gewinnen und zu binden, indem attraktive Karrierewege und ein wettbewerbsfähiges Umfeld auf nationaler und internationaler Ebene geboten werden. Schließlich gilt es, eine noch breitere Unternehmenskultur zu festigen, die Risiko und Innovation als Entwicklungshebel nutzt. Das Potenzial ist vorhanden (und zeigt bereits erste Erfolge): Die Herausforderung besteht darin, es mit mehr Ambition und Weitblick zu orchestrieren.
Welche Rolle kommt der Agire-Stiftung in einer Transformationsphase wie der jetzigen innerhalb des regionalen Innovationssystems zu?
„Im aktuellen Stadium Agire-Stiftung Agire ist aufgerufen, seine zunehmend zentrale und strategische Rolle innerhalb des regionalen Innovationssystems zu stärken: die des „Architekten“ und Ökosystemförderers. Nicht nur Anbieter von Unterstützungsleistungen, sondern vor allem Koordinator, Anlaufstelle und „Tor“ für Unternehmen, Startups und Stakeholder. Agire muss das in der Region vorhandene Fachwissen bündeln, öffentliche und private Akteure vernetzen, deren Rollen stärken und Überschneidungen vermeiden. In diesem Sinne besteht sein Hauptbeitrag darin, Kohärenz, Richtung und kritische Masse in einem ansonsten fragmentierungsanfälligen System zu schaffen. Darüber hinaus ist die Stiftung aufgerufen, ihre Rolle als Kompetenzzentrum zu stärken, das die Bedürfnisse von Unternehmen in verschiedenen Entwicklungsstadien versteht und sie zu den passendsten Ressourcen führt. Diese Rolle vereint Wissen, Unterstützung und die Fähigkeit, die richtigen Verbindungen herzustellen. Schließlich spielt Agire eine fördernde Rolle: Es stimuliert eine Innovationskultur, reduziert Risiken für KMU und Startups und trägt dazu bei, das Tessin für Talente und Investitionen attraktiver zu machen. Kurz gesagt, sein Wert liegt zunehmend in seiner Fähigkeit, das System als Ganzes funktionsfähig zu machen und so eine nachhaltige Wirkung auf das Gebiet zu erzielen.“
An welchen strategischen Richtungen arbeiten Sie bereits, um die zukünftige Entwicklung von Agire zu unterstützen und seine Positionierung mittel- bis langfristig zu stärken?
Die strategischen Ausrichtungen, an denen wir arbeiten, zielen darauf ab, die Rolle von Agire als zentrale Drehscheibe, Vermittler und Motor des Ökosystems zu stärken und dabei die verschiedenen Akteure einzubinden. Zunächst wollen wir unsere Koordinierungsfunktion festigen und die Stiftung als Anlaufstelle und Orientierungshilfe für das gesamte Innovationssystem des Tessins etablieren. Gleichzeitig investieren wir in den Ausbau interner Expertise und die systematische Erfassung der Bedürfnisse von KMU und Startups, um so in allen Entwicklungsphasen gezieltere Unterstützung zu bieten (unter anderem durch die Stärkung des Accelerators Boldbrain Startup Challenge und die Revitalisierung des Tecnopolo Ticino). Dies bedeutet auch eine stärkere Fokussierung auf die Qualität unserer Dienstleistungen und die Messung unserer Wirkung. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Ausbau und der Stärkung von Netzwerken: strukturiertere Kooperationen mit lokalen Akteuren, aber auch eine wachsende Offenheit gegenüber nationalen und internationalen Kontexten, um die Attraktivität und die Chancen zu erhöhen. Schließlich arbeiten wir an unserer Positionierung und Kommunikation, um die Rolle von Agire klarer und erkennbarer zu gestalten und gleichzeitig Governance, Managementinstrumente und Anpassungsfähigkeit in einem sich ständig wandelnden Umfeld zu stärken.



