Kunst, Design und Schönheit waren meiner Familie schon immer sehr wichtig. Sie gehörten selbstverständlich zu unserem Alltag: Sie hatten einen Eigenwert, wurden geachtet und geschätzt, und das alles auf eine greifbare, sinnliche Weise. Die intellektuelle Dimension kam später hinzu, und dabei erwies sich mein Doktorvater Konrad Hoffmann in Tübingen als wichtige Bezugsperson: Er vermittelte sein Wissen nicht ex cathedra, sondern förderte lebhafte Diskussionen, Hinterfragen und sorgfältige, kritische Beobachtung. Für mich wurden Kunst und Kultur zum Spiegel ihrer Zeit, zum Ausdruck von Individuen, aber auch von gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen.
Einen grundlegenden Impuls gab auch Uwe M. Schneede, der damalige Direktor der Hamburger Kunsthalle: Er forderte Präzision im Blick und in der Sprache sowie Klarheit in der Argumentation. Später spielten auch meine jüngeren Kollegen, mit denen ich in den letzten zwanzig Jahren das Privileg hatte zusammenzuarbeiten, eine Schlüsselrolle. Sie brachten Selbstreflexion, neue Ideen und neue Sichtweisen mit und bereicherten so mein Kunstverständnis. Und natürlich ist die Begegnung mit Künstlern, mit ihren persönlichen Haltungen und ihren unterschiedlichen Arten, die Welt zu interpretieren und darzustellen, ein zentraler Impuls.
Die Kunst nimmt einen zentralen Platz in Ihrem Leben und Ihrer Arbeit ein. Wie würden Sie die innere Verbindung beschreiben, die sich im Laufe der Zeit zwischen Ihnen und den Werken entwickelt hat, die Sie begleitet haben?
Ich liebe die Arbeit mit Originalen. Sie sind reine Materie – zum Sehen, Berühren, ja sogar Riechen – und bewahren gleichzeitig die Ideen, Überzeugungen und Empfindungen ihrer Schöpfer, geben sie der Welt weiter und hinterlassen uns ein Vermächtnis. Kunstwerke bilden eine einzigartige Schnittstelle zwischen Sinnen, Intellekt, Gegenwart und Geschichte, einschließlich beispielsweise ihrer Entstehungsgeschichte. Je mehr man sie erforscht, desto bedeutungsvoller werden sie, doch sie lassen sich nie vollständig erklären. Letztlich bleiben sie Rätsel – und gerade deshalb bergen sie auch die Zukunft in sich: Möglichkeiten, die sich erst noch entfalten werden.
Ihr Bildungsweg hat Sie mit sehr unterschiedlichen Empfindungen und Perspektiven konfrontiert. Welche grundlegenden Erkenntnisse prägen Ihr heutiges Weltverständnis?
Menschen sind sehr verschieden, und wir nehmen die Realität oft auf überraschend unterschiedliche Weise wahr. Schon während meines Studiums in Deutschland und den USA sowie in meinen verschiedenen Positionen – darunter auch Führungspositionen – in Museen in Deutschland, der Schweiz und nun Liechtenstein habe ich dies selbst erfahren. In diesem Sinne ist es hilfreich, den Wunsch zu entwickeln, andere zu verstehen und ein grundlegendes Einfühlungsvermögen zu kultivieren. Dies garantiert jedoch nicht automatisch den Erfolg eines gemeinsamen Weges: Selbst mit den besten Absichten kann man scheitern, und dann muss man wissen, wie man von Neuem beginnt.
Hierin liegt ein weiterer Vorteil des Alters: Dank gesammelter Erfahrung kann man Situationen und Dynamiken schnell einschätzen und sich entsprechend orientieren. Gleichzeitig erkennt man den Wert der Intuition und lernt, auf die eigene innere Stimme und die eigenen Überzeugungen zu vertrauen. Die Welt ist stets ein Prozess der Interpretation, und erst dadurch werden wir zu aktiven Gestaltern, die die Realität formen können.
Philanthropie spiegelt oft tief verwurzelte Werte und persönliche Überzeugungen wider. Welche Bedeutung hat Philanthropie aus Ihrer heutigen Sicht im Lichte der historischen Prinzipien, die die Beziehung zwischen Künstlern und Mäzenen seit Langem prägen?
Die Kunstgeschichte wäre ohne das Prinzip der Förderung unvorstellbar: zunächst ausgeübt von Kirche und Adel, dann vom Bürgertum und heute von privaten Institutionen und Einzelpersonen. Gerade im privaten Engagement können zutiefst persönliche Visionen, Vorlieben und Überzeugungen zum Ausdruck kommen. Im Dialog mit öffentlicher und bürgerlicher Unterstützung – die meiner Meinung nach unerlässlich bleiben sollte – trägt die unabhängige Philanthropie zu einer außergewöhnlichen Vielfalt an Ausdrucksformen bei.
Diese Vielfalt an Stimmen in der Kunst kann ein Vorbild für eine Gesellschaft sein, die zu Diversität und Austausch fähig ist. Kultur ist ein wesentliches Element der Demokratie, zu deren ständiger Ausübung wir alle aufgerufen sind, heute mehr denn je.
Als Stiftung, die ein bedeutendes Werk bewahrt, bietet die Hilti Art Foundation einen Raum, in dem künstlerisches Erbe und eine Kultur der Großzügigkeit ineinandergreifen. Welche Resonanz oder Transformation kann diese Begegnung Ihrer Meinung nach bei den Besuchern der Sammlung auslösen?
Die renommierte Sammlung der Hilti Art Foundation umfasst einen historischen Zeitraum vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Moderne und zeitgenössische Kunst treten in einen lebendigen Dialog und ermöglichen es uns, die historische Dimension unserer Gegenwart beispielhaft zu reflektieren und darzustellen. Unsere Gründer sehen Kunst als wesentlichen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens; daher ist es ihnen ein wichtiges Anliegen, die Sammlung zu teilen und möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Soziales Verantwortungsbewusstsein, Offenheit und Großzügigkeit sind dabei selbstverständlich miteinander verbunden.
Als Direktorin der Stiftung ist es mir eine große Freude, diesen Geist gemeinsam mit meinem Team zu leben: Durch Wechselausstellungen in unserem Museumsgebäude, Publikationen und analoge wie digitale Vermittlungsprogramme arbeiten wir daran, die Sammlung einem regionalen und internationalen Publikum noch besser zugänglich zu machen. Vermittlung ist heute weit mehr als eine ergänzende Dienstleistung: Sie ist ein strategisches und soziales Instrument. Offenheit für Kooperation, Vielfalt der Stimmen und neue Formate, insbesondere in den Medien, spielen dabei eine entscheidende Rolle: Inhalte können Neugier wecken, Zugang schaffen und den Dialog ermöglichen. Gerade an geographisch einzigartigen Orten wie Liechtenstein sollte dies nicht nur persönlich geschehen, sondern auch über Grenzen hinweg wahrnehmbar und wirksam sein.
Aus diesem Grund haben wir vor etwa einem Jahr einen innovativen Multimedia-Guide eingeführt, der gemeinsam mit dem Berliner Expertenstudio tonwelt entwickelt wurde und den wir mit dem Wachstum unserer Sammlung stetig erweitern.“
Der Multimedia-Leitfaden zur Sammlung schlägt eine Brücke zwischen Erzählkunst, Technologie und Kunsterlebnis. Welches Potenzial sehen Sie in diesem Tool, um neue Zielgruppen zu erreichen?
Wie ein klassischer Audioguide bietet unser zweisprachiger (Deutsch und Englisch) Multimedia-Guide Einführungstexte zu den Werken der Sammlung. Darüber hinaus eröffnet er durch Fotografien, Videoclips, Interviews, Musik- und Theaterstücke einen weiteren, weiten und reichen Raum an Geschichten, Inhalten und Interpretationen: Sammler, Kuratoren, Künstler, Zeitzeugen, Studierende und Besucher kommen zu Wort, werden zu Gesprächspartnern und ermöglichen uns Einblicke in ihre Perspektiven. Insbesondere Zeitzeugen teilen oft Material, das sonst nirgends zu finden ist: unsere Form der mündlichen Überlieferung. Der persönliche Blick auf einzelne Werke wird neu entfacht, und der Museumsbesuch wird intimer, unmittelbarer und überraschender. Wissenschaft, Bildung und anregende Unterhaltung sollten sich nicht widersprechen; im Gegenteil: Was uns berührt, bewegt, zum Nachdenken anregt und in Erinnerung bleibt.
Wir freuen uns sehr, dass sich unsere harte Arbeit bereits auszahlt: Immer mehr Besucher aller Altersgruppen nutzen neben den Führungen den Multimedia-Guide. Die Verweildauer vor den einzelnen Werken und im Museum selbst hat sich deutlich erhöht – ein Zeichen für ein intensiveres Kunsterlebnis. Die hochwertigen Inhalte des Guides werden auch auf unserer Website und in den sozialen Medien verwendet. So erreichen wir über Landesgrenzen hinweg insbesondere jüngere Besucher, die uns vielleicht eines Tages besuchen möchten. Online kann jeder Interessierte ortsunabhängig mehr erfahren, unsere Sammlung entdecken oder mit uns in Kontakt treten.
Ihre Arbeit vereint kuratorisches Gespür, Innovation und soziales Engagement. Welcher unsichtbare Faden verbindet diese Dimensionen in Ihrem Alltag? Mit Blick auf die Zukunft: Welche Vision möchten Sie hinsichtlich des Verhältnisses von Kunst und Philanthropie und der Rolle, die diese beiden Kräfte bei der Förderung nachhaltigen Wandels spielen können, mit uns teilen?
Für mich sind die Arbeit mit Kunst, soziales Bewusstsein und der Wunsch nach Innovation und Weiterentwicklung eng miteinander verbunden. Die Leidenschaft für Kunst treibt uns an, doch sie entfaltet sich erst im Austausch mit anderen. Wir tun dies nicht für uns selbst, sondern für Menschen, die sich dafür interessieren, mitwirken und sich engagieren möchten. Die klassische Moderne, die den Kern unserer Sammlung bildet, ist eine Ära der Neugier, des Mutes und der Innovation. Die Werke, die wir sammeln, bewahren, erforschen, interpretieren und ausstellen, strahlen diesen Geist aus. Sie fordern uns heraus und schenken uns immer wieder neue Energie. Wenn wir auch nur einen Bruchteil davon vermitteln könnten, wenn unser Engagement wirklich etwas bewirken könnte, wäre dies ein wertvoller Beitrag zu einer freien und offenen Gesellschaft.



