Angesichts des weltweit zunehmenden Drucks auf die Wasserressourcen – bedingt durch Klimawandel, industrielle Aktivitäten und intensive Landwirtschaft – ist die Fähigkeit, Verschmutzungen und ökologische Ungleichgewichte frühzeitig zu erkennen, von entscheidender Bedeutung. „Viele Probleme entwickeln sich unbemerkt und breiten sich aus, bevor sie entdeckt werden“, erklärt Marco Fumagalli. „Bis die Ergebnisse herkömmlicher Tests vorliegen, ist der Schaden oft schon angerichtet. Wir wollen schneller handeln und eine ganze Reihe negativer Folgen verhindern.“
Il Herzstück der Neosens-Innovation Es besteht aus einem kompakten Gerät mit einem Gewicht von etwa einem Kilogramm, das potenziell schädliche Substanzen im Wasser nachweisen und quantifizieren kann. Es stellt nicht nur fest, ob eine Substanz vorhanden ist oder nicht, sondern misst ihre Konzentration und liefert so wichtige Informationen zur Beurteilung ihrer Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit.
„Die Innovation ist zweifach“, betont Fumagalli. „Zum einen handelt es sich um eine neue Technologie, die es so noch nie auf dem Markt gegeben hat. Zum anderen gibt es das Produkt: ein Instrument, das präzise Messungen direkt vor Ort ermöglicht, ohne dass ein Labor oder hochspezialisiertes Personal erforderlich ist.“
Das System basiert auf einer Biosensorplattform mit austauschbaren Kartuschen, die sich an unterschiedliche Überwachungsanforderungen anpassen lässt. Ergänzt wird dieses „Kit“ durch Datenmanagement-Tools, die zeitliche und geografische Informationen integrieren und so die Analyse und Visualisierung der Ergebnisse erleichtern. Das Ziel ist klar: den Zugang zu fortschrittlichen Umweltanalysen zu demokratisieren: „Wir wollen diese Analysen für jeden zugänglich machen, der sie benötigt, nicht nur für große Labore“, so der Gründer.
Die Anfänge von Neosens liegen in der akademischen Welt. Nach einem anfänglichen Maschinenbaustudium spezialisierte sich Fumagalli auf Biomedizintechnik, zunächst im Rahmen seines Bachelor- und anschließend mit einem Masterstudium in Life Sciences Engineering an der EPFL in Lausanne. „Ich habe mich intensiv mit Diagnosesensoren beschäftigt, insbesondere mit dem Nachweis von Substanzen im menschlichen Blut“, erklärt er. „Das Anwendungspotenzial dieser Technologien ist jedoch enorm: Umwelt, Lebensmittelsicherheit, Industrie und pharmazeutische Entwicklung.“
Die Geschäftsidee entstand im Rahmen eines Universitätsprojekts, das sich später zu einem internationalen Wettbewerb in den Niederlanden entwickelte. Das Team entwickelte ein innovatives Diagnosegerät und gewann sowohl für seine technische Leistungsfähigkeit als auch für sein Geschäftsmodell. „Zuerst war es nur eine akademische Übung“, erinnert sich Fumagalli. „Aber wir erkannten schnell, dass wir etwas mit praktischem Anwendungspotenzial hatten.“
Von diesem Moment an begann eine jahrelange Entwicklungsreise, die Universitätsprogramme, Wettbewerbe und die erste Finanzierung umfasste. „Nicht ohne Herausforderungen: Teamwechsel, bürokratische Hürden und die Notwendigkeit, sich einige Fähigkeiten von Grund auf neu anzueignen. Nach seinem Studienabschluss war er das einzige Mitglied des ursprünglichen Teams, das das Projekt fortführte und später eine neue Gruppe aufbaute, bis das Startup etabliert war. Es war eine komplexe, aber auch entscheidende Phase.“ Heute ist Neosens ein etabliertes Unternehmen mit einem Team, das sich über mehrere Schweizer Städte erstreckt und dessen Expertise von Forschung über Finanzen bis hin zur Geschäftsentwicklung reicht.
Die von Neosens entwickelte Technologie birgt ein breites Anwendungspotenzial – von der Umweltforschung über die industrielle Überwachung und Aquakultur bis hin zur Lebensmittelsicherheit. Ein konkretes Beispiel sind Algenblüten, ein immer häufiger auftretendes Phänomen, das schädliche Toxine produziert. „Aquakulturbetreiber müssen wissen, ob diese Toxine vorhanden sind, da es sonst notwendig sein kann, die Fischfütterung zu unterbrechen, was zu erheblichen wirtschaftlichen Verlusten führen kann“, erklärt Fumagalli. „Mit unserem Gerät erhalten wir eine sofortige Reaktion.“
Ein Schlüsselelement in der Entwicklung von Neosens war die Unterstützung durch das Schweizer Innovationsökosystem, insbesondere im Tessin. „Wir profitierten von einem bedeutenden Unterstützungsnetzwerk“, betont Fumagalli. „Unter den wichtigsten Akteuren spielte die Agire-Stiftung eine entscheidende Rolle, indem sie den Zugang zu Kontakten, Programmen und Fördermöglichkeiten erleichterte. Sie öffnete uns viele Türen und ermöglichte es uns, wesentlich effektiver mit Investoren und Partnern in Kontakt zu treten.“
Neben Agire waren Initiativen wie die SUPSI Startup Garage entscheidend für den Aufbau unseres Netzwerks im Tessin. Coaching-Programme und Kooperationen mit Studierenden haben ebenfalls zum Wachstum des Startups beigetragen. „Wir hatten Kontakt zu Gruppen von SUPSI-Studierenden, die an unserem Businessplan mitgearbeitet, Marktforschung betrieben und Finanzanalysen durchgeführt haben. Das war unschätzbar wertvoll.“
Das Schweizer System hat sich trotz der regionalen Unterschiede zwischen den Kantonen als fruchtbarer Boden erwiesen. „Jeder Kanton hat seine eigenen Programme und Förderprogramme, was auch einen gewissen Wettbewerb erzeugt“, bemerkt Fumagalli. „Gleichzeitig herrscht aber ein starker nationaler Konsens hinsichtlich der Bedeutung von Innovation.“ Die Entscheidung, den Firmensitz im Tessin anzusiedeln, spiegelt auch eine persönliche und strategische Verbundenheit wider. „Ich bin hier geboren und aufgewachsen und sehe heute ein schnell wachsendes Ökosystem mit vielen Entwicklungsmöglichkeiten für Startups.“
Neosens befindet sich aktuell in einer entscheidenden Phase. Kurzfristig soll ein Pilotprodukt entwickelt und direkt mit Endnutzern getestet werden. „Dies ist ein entscheidender Schritt“, erklärt Fumagalli. „Nur wenn wir das Gerät in die Hände der zukünftigen Nutzer geben, können wir wirklich verstehen, was funktioniert und was verbessert werden muss.“ Parallel dazu befindet sich das Startup in einer Finanzierungsrunde, die für die Entwicklung und den Markteintritt notwendig ist. Läuft alles nach Plan, könnte die Markteinführung bereits Anfang 2027 erfolgen. Neosens' Weg ist ein Paradebeispiel dafür, wie Forschung, Unternehmertum und institutionelle Unterstützung zusammenwirken können, um konkrete Innovationen hervorzubringen. In einer Welt, die zunehmend schnelle, zuverlässige und zugängliche Werkzeuge benötigt, um ihre Ökosysteme zu verstehen und zu steuern, erscheint die Herausforderung für Neosens nicht nur technologischer, sondern auch tiefgreifender kultureller Natur: die Welt zu verändern, indem wir die Realität um uns herum beobachten und direkt in sie eingreifen.



