Es gibt eine Theaterauffassung, die im Europa des 20. Jahrhunderts den Wert einer ethischen Entscheidung noch vor einer künstlerischen annahm: Theater als Ort des Wissens, der Verantwortung und der gesellschaftlichen Debatte. Giorgio Strehler war einer ihrer radikalsten und konsequentesten Interpreten, und der Einsatz Die Kunst des Theatermachens zwischen Intuition und VernunftDurch die Einleitung der Nobelpreisträgerin Rita Levi Montalcini und die Beiträge von Alberto Bentoglio, Marco Blaser und Claudio Magris wird mit kritischer Strenge der Werdegang eines Meisters rekonstruiert, der sein Leben absolut mit dem Theater in Einklang brachte.
Theater ist die aktive Selbstreflexion des Menschen.
Geboren 1921 in Triest und ausgebildet in Mailand und der mitteleuropäischen Kultur, entdeckte Strehler seine Berufung während seines Exils in der Schweiz während der Kriegsjahre. Es war eine prägende Erfahrung, sowohl menschlich als auch politisch, die seinen Zugang zum Theater nachhaltig beeinflusste.
Wie Alberto Bentoglio erinnert, ist Strehlers Biografie untrennbar mit seinem künstlerischen Denken verbunden: „Strehlers Leben verläuft in einem ständigen Dialog mit der Bühne, bis hin zur Verschmelzung mit ihr.“
Die Rückkehr nach Italien fällt mit einem der Gründungsakte der Nachkriegstheaterkultur zusammen: der Gründung des Piccolo Teatro in Mailand im Jahr 1947, des ersten permanenten italienischen Theaters, gegründet von Giorgio Strehler e Paolo Grassi mit Nina VinchiMit dem Ziel, ein Theater zu schaffen, das als öffentliche Einrichtung verstanden wird – eine künstlerische und kulturelle Institution, die einem kollektiven Bedürfnis entspricht und somit allen Bürgern zugutekommt –, lautet das Motto „Kunsttheater für alle“. Dieses Motto und Leitprinzip begleitet das Piccolo Teatro seit seiner Gründung und fasst seine Mission zusammen: qualitativ hochwertige, inhaltsreiche Aufführungen für ein möglichst breites Publikum zu inszenieren.
In fast achtzig Jahren seines Bestehens hat das Piccolo Teatro über 400 Aufführungen produziert – viele davon unter der Regie von Giorgio Strehler – und dabei Werke klassischer und zeitgenössischer Autoren aufgeführt. Diese bedeutenden Produktionen sind zu einem festen Bestandteil der Welttheatergeschichte geworden. Beschränken wir uns auf die Regiearbeit, so … StrehlerianWir können uns an William Shakespeare erinnern (Re Lear e Der Sturm), Carlo Goldoni (Harlekin Diener von zwei Meistern, Die verrückten Schlägereien, Der Campiello), Anton Tschechow (Der Kirschgarten), Bertolt Brecht (Die Dreigroschenoper, Das Leben Galileis, Die gute Seele von Sichuan) und Samuel Beckett (Glückliche TageDaher nicht nur eine organisatorische Innovation, sondern die Bestätigung einer Idee: ein Theater, das sich sowohl von weltlichen Ritualen als auch von rein kommerzieller Logik abgrenzt.
Analyse des Kerns der Poetik StrehlerianBentoglio definiert es erneut als eine hohe und bewusste Form des poetischen Realismus. Für Strehler darf das Theater die Realität nicht einfach nur abbilden, sondern muss sie durchdringen, verwandeln und verständlich machen. Anders gesagt: Der Regisseur ist niemals bloß ein Illustrator des Textes, sondern rekonstruiert dessen historischen Kontext und hinterfragt zugleich dessen Relevanz für die Gegenwart. Shakespeare, Goldoni, Brecht und Pirandello werden so zu Werkzeugen des Verständnisses der Gegenwart, nicht zu Denkmälern, die verehrt werden müssen.
Diese Spannung zwischen Strenge und Erfindungsgabe wird somit zum authentischsten Kennzeichen seines Werks. Der künstlerische Akt entspringt einer tiefen Kenntnis der Wirklichkeit, vollzieht sich aber erst durch poetische Intuition.
Ein weiterer Aspekt, der unbedingt hervorgehoben werden muss, ist die Weite der Kultur. StrehlerianBei Strehler koexistieren Prosatheater und Oper untrennbar miteinander; sie werden mit derselben methodischen Ernsthaftigkeit und ethischen Spannung behandelt. In diesem Sinne ist seine Rolle bei der Erneuerung der Opernregie grundlegend, da er die Idee eines einheitlichen, kohärenten Spektakels vorantrieb, das als autonomes Kunstwerk konzipiert war.
Ich bezahle mit mir selbst. Ich schone mich nicht.
Gleichzeitig entwickelte er eine zutiefst europäische Kulturvision. Nicht ein bürokratisches oder wirtschaftliches Europa, sondern eine Gemeinschaft von Menschen und Ideen: „Europa ist ein großes spirituelles Abenteuer, noch bevor es ein sozioökonomisches ist.“
Sowohl die Erfahrung des Théâtre de l'Europe als auch die Präsidentschaft der Union des Théâtres de l'Europe passen in diese Perspektive und machen Strehler zu einem der Protagonisten der kontinentalen Kulturszene.
Sein Leben, geprägt von Ereignissen, Begegnungen, Verpflichtungen und prestigeträchtigen Positionen, scheute nie vor politischem Engagement zurück, das er als integralen Bestandteil seiner Theatervision verstand. Als überzeugter Sozialist, Mitglied des Europäischen Parlaments und später Senator setzte sich Strehler stets für die Autonomie der Kunst gegenüber den Kräften des Marktes und der Macht ein. Giorgio Strehler sagte wiederholt: „Theater ist ein politischer Akt, weil es den Menschen mit seinen Rechten und Pflichten konfrontiert.“
Marco Blaser betont in seinem Beitrag ebenfalls diese untrennbare Verbindung zwischen Kunst und bürgerlichem Leben: „Für Strehler war jede alltägliche Geste bereits eine Aussage, jede künstlerische Entscheidung hatte einen ethischen Wert.“
Neben dem Maestro zeichnet sich ein vielschichtiges und bisweilen schwieriges menschliches Porträt ab. Strehler erscheint als fordernder, unermüdlicher Mann, fähig zu überschwänglicher Begeisterung und plötzlicher Härte. Ein Theaterhandwerker, der von anderen verlangte, was er in erster Linie von sich selbst verlangte. Blaser vermittelt diese fiebrige Dimension erneut eindrücklich: „Er war ein rastloser Löwe, unfähig zu halben Sachen, bereit, sich selbst aufzuopfern, um die Wahrheit der Bühne zu erreichen.“
Strehler starb 1997 während der Proben für das Così fan tutte von Mozart. Ein Epilog, der symbolisch ein ganzes Leben voller Arbeit und Schöpfung zusammenzufassen scheint. Die Kunst des Theatermachens zwischen Intuition und Vernunft Es ist nicht nur eine Hommage, sondern eine kritische Auseinandersetzung, die die Komplexität eines Gedankens wiederherstellt, der auch heute noch relevant ist. In einem Zeitalter, das von Standardisierung und Geschwindigkeit geprägt ist, ist die Idee Strehlerian Das Theater als Raum für kollektives Bewusstsein erscheint heute notwendiger denn je.
*Mit freundlicher Genehmigung von Andrea Romano, Co-Direktor und Leiter Marketing & Öffentlichkeitsarbeit bei Banca Popolare di Sondrio (SUISSE).
Am Tisch mit… Daniele Finzi Pasca, Kreativität und Fantasie bei 360 Grad



