Wie lassen sich institutionelle Verantwortlichkeiten mit Forschung und Lehre in Einklang bringen?
Es ist eine ständige Herausforderung. Mir kommt dabei das Wort „Balance“ in den Sinn, obwohl es oft eher um dynamische Anpassung als um wahre Ausgewogenheit geht. Institutionelle Arbeit erfordert Zeit und Aufmerksamkeit, aber ich halte Lehre und Forschung für unerlässlich, nicht nur für meine Arbeit, sondern auch, um den direkten Kontakt zu den jüngeren Generationen zu pflegen. Gerade die Lehre ist ein Privileg: Jedes Jahr treffe ich Studierende, die meisten zwischen 18 und 23-24 Jahren, und ihr Interesse an meinen Lehrinhalten ist unglaublich inspirierend. Gleichzeitig geht die wissenschaftliche Forschung durch Projekte und Arbeitsgruppen weiter, die es mir ermöglichen, täglich nicht nur von meinen Kollegen, sondern auch von anderen jungen Doktoranden und Postdoktoranden zu lernen.
Ihre akademische und Forschungskarriere ist von intensiven internationalen Beziehungen geprägt. Wie haben diese Beziehungen Ihre Herangehensweise an die Mediengeschichte beeinflusst?
„Ganz klar. Meine Studien- und Berufserfahrung in verschiedenen Bereichen hat mir gezeigt, dass Technologien niemals neutral sind: Sie werden je nach Kultur, sozialem Kontext und wirtschaftlichen Bedingungen unterschiedlich genutzt. Dies führt zur Entwicklung einer vergleichenden Perspektive, die in den Medienwissenschaften unerlässlich ist. Es gibt keinen einheitlichen Entwicklungspfad: Was in Europa geschieht, kann sich stark von dem unterscheiden, was in Asien oder anderen Kontexten passiert. Dieses Bewusstsein hilft, vereinfachende und deterministische Interpretationen von Technologie zu vermeiden.“
Sie studieren Mediengeschichte aus einer langfristigen Perspektive. Welche Kontinuitäten und Diskontinuitäten ergeben sich zwischen analog und digital?
Wir neigen oft dazu, Brüche zu betonen, doch die Mediengeschichte ist auch von tiefgreifenden Kontinuitäten geprägt. Um eine bekannte Metapher des Historikers Fernand Braudel aufzugreifen: Wir konzentrieren uns zu sehr auf „Oberflächenwellen“ und zu wenig auf die tieferliegenden Strömungen.
Technologien verändern sich, doch viele Logiken bleiben gleich: Wenn ich kurz einen Aspekt nennen müsste, der heute besonders hervorsticht, dann wäre es die Geschwindigkeit des Wandels und die globale Dimension der Phänomene. Der digitale Wandel hat Prozesse beschleunigt und Wirtschaftsmodelle grundlegend verändert, aber die grundlegende Dynamik der Kommunikation nicht ausgelöscht.
Eines Ihrer jüngsten Projekte befasst sich mit der Geschichte des Internets. Welche Aspekte halten Sie für die breite Öffentlichkeit für besonders relevant?
Ein wichtiger Punkt ist die Verdeutlichung einer oft übersehenen Unterscheidung: Internet und Web sind nicht dasselbe. Das Internet ist die Infrastruktur, das Web einer der darauf basierenden Dienste. Das Web entstand in Europa, am CERN in Genf, zwischen Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre, mit dem Ziel, den Informationsaustausch unter Forschern zu erleichtern. Eine der entscheidenden Weichenstellungen war die Entscheidung, das Web 1993 als freie und quelloffene Software zu veröffentlichen – eine alles andere als naheliegende Wahl, die seine weitere Entwicklung prägte. Interessanterweise hätte sich das Web auch ganz anders entwickeln können. Heute betrachten wir es als offenen Raum, doch es wird zunehmend von großen Plattformen dominiert, die seinen ursprünglichen Charakter als freies und dezentrales Netzwerk teilweise eingeschränkt haben.
Welche Rolle spielt die historische Dimension heute für das Verständnis zeitgenössischer Kommunikationsphänomene?
Es ist von entscheidender Bedeutung. Wir leben in einem Zeitalter, in dem jede neue Technologie als Revolution dargestellt wird. Doch ohne eine historische Perspektive laufen wir Gefahr, in eine Art „Ideologie der digitalen Revolution“ zu verfallen. Die Geschichte lehrt uns, dass Veränderungen oft gradueller und komplexer verlaufen, als sie erscheinen. Sie hilft uns, zwischen echten Innovationen und konstruierten Narrativen zu unterscheiden und langfristige Dynamiken besser zu verstehen.
Welche Dynamiken zeichnen sich heute in den globalen Mediensystemen ab?
Wir erleben eine zunehmende Polyzentralität. Während in der Vergangenheit vorwiegend westliche Kräfte dominierten, gibt es heute neue bedeutende Zentren. China beispielsweise hat sich zu einem zentralen Akteur sowohl in der technologischen Produktion als auch in den Kommunikationsmodellen entwickelt. Gleichzeitig bestehen weiterhin starke Machtkonzentrationen: Einige wenige große, meist amerikanische Unternehmen kontrollieren Plattformen, die von Milliarden von Menschen genutzt werden. Es ist ein interessanter Widerspruch: einerseits geografische Vielfalt, andererseits wirtschaftliche Konzentration.
Wie beurteilen Sie den aktuellen Zustand der Medien, auch auf lokaler Ebene?
Traditionelle Medien genießen weiterhin hohes Ansehen, insbesondere in Krisenzeiten. Sie stehen jedoch vor erheblichen wirtschaftlichen Herausforderungen: Die Werbeeinnahmen haben sich auf digitale Plattformen verlagert, was die Nachhaltigkeit vieler Verlagsmodelle beeinträchtigt. Auch das Konsumverhalten hat sich verändert: weniger Zeitungslesen, weniger lineares Fernsehen, dafür fragmentiertere und personalisierte Inhalte. Teilweise werden neue Modelle wie Events oder Podcasts erprobt, doch die Zukunft bleibt ungewiss.
Wie verändern sich in diesem Szenario die Erwartungen der Studierenden an die Kommunikation?
„Die heutigen Studenten sind sich der Komplexität der Welt, in der sie leben, sehr bewusst, aber sie sind auch stärker den Schwächen dieser Welt ausgesetzt, wie zum Beispiel Ängsten im Zusammenhang mit der Ungewissheit der Zukunft.“
Unsere Aufgabe besteht nicht nur darin, technische Fertigkeiten zu vermitteln, die rasch veralten, sondern auch einen kulturellen Werkzeugkasten: kritisches Denken, historisches Bewusstsein und Anpassungsfähigkeit. Immer mehr junge Menschen spüren zudem das Bedürfnis, sich zumindest zeitweise von der ständigen und oft überwältigenden Informationsflut abzukoppeln. Dies ist ein interessantes Zeichen für eine zunehmende Reflexion im Umgang mit Medien.
Können wir also sagen, dass die humanistische Bildung wieder im Mittelpunkt steht?
«Absolut ja… und das gilt insbesondere im Zeitalter der KI. Fachliche Kompetenzen sind wichtig, doch ohne ein solides kulturelles Fundament ist es schwierig, die Welt zu verstehen. Die richtigen Fragen zu stellen ist oft wichtiger als sofortige Antworten. Die Geistes- und Sozialwissenschaften bieten genau das: Werkzeuge zum Verstehen, Einordnen und vor allem, um technologischen Wandel nicht passiv hinzunehmen.



